Am 12. Dezember 2010, 11:43 Ortszeit auf den Bahamas tauchte der Neuseeländer William Trubridge mit einem einzigen Atemzug und nur durch seine Hände und Füße angetrieben 100 Meter tief in das Dean´s Blue Hole auf Long Island und zurück zur Wasseroberfläche. Hier geht’s zum Video von William´s Tauchrekord.
Diese, auch als ein Hektometer bezeichnete, historische Tiefe wurde erstmals 1980 (dem Jahr, in dem Trubridge geboren wurde) von Jacques Mayol erreicht, der durch sein Portrait im Film ”Im Rausch der Tiefe” (Originaltitel: The Big Blue) bekannt wurde. Mayol benutzte allerdings einen mit Gewichten beschwerten Schlitten für den Weg in die Tiefe und einen mit Luft gefüllten Behälter für den Weg zurück an die Wasseroberfläche. Trubridge trug bei seinem Versuch keinerlei Gewicht (lediglich einen Orca Neoprenanzug) und bewegte sich unter Wasser mit Brustschwimmbewegungen entlang einer Tiefenleine, die ihm nur als Orientierung diente. In 100 Meter Tiefe holte er eine dort als Beweis befestigte Markierung (die Tiefe wurde außerdem mit einem Suunto Tiefenmesser bestätigt, den er am Handgelenk trug) und schwamm zurück zur Wasseroberfläche.
William stellte damit seinen 13. Weltrekord im Freitauchen auf. Der Tauchversuch mit dem Titel Project Hector wurde dem Hector-Delphin gewidmet, einer der kleinsten Delphinarten. Er ist der einzige in Neuseeland einheimische Delphin, doch seine Art ist vom Aussterben bedroht.
William schreibt:
”Vor vier Jahren habe ich drei Versuche gebraucht, bevor ich meinen ersten Weltrekord ohne Flossen geschafft habe. Seitdem hat sich viel verändert, sowohl die Tiefe (von 80 auf 100 Meter) als auch mein Vertrauen und meine Fähigkeit unter Druck Leistung zu bringen. Heute, bei meinem dritten Versuch in die historische Tiefe von 100 Metern zu tauchen, habe ich all diese Erfahrungen genutzt.
Gestern war ich schon unten bei der Markierung und bin auch gut zurückgekommen, aber wegen einem technischen Fehler (ich hatte vergessen, gemäß dem Protokoll an der Oberfläche, meinen Nasenclip am Ende des Tauchgangs abzunehmen) wurde der Tauchgang für ungültig erklärt. Während diesem Tauchgang habe ich mir zudem einen Nackenmuskel eingezwickt und so musste ich übernacht eine Menge entzündungshemmender Mittel einnehmen und habe mir zum Schlafen Decken unter meinen Rücken und Nacken gestopft (Danke Mama!). Heute Morgen hatte das Wetter umgeschlagen: eine Kaltfront brachte kühlen Wind und vertrieb die Sonne. Ich bin um 11 Uhr vormittags ins Wasser gestiegen und fing sofort an zu schlottern. Als ich mit meiner Atemvorbereitung fertig war und mich drehte, um meinen Tauchgang zu starten, drückte Luft aus meinen Lungen in meinen Mund und von dort in meinen Magen. Für einen ganz kurzen Moment überlegte ich weiterzumachen, aber es wäre verrückt gewesen. Ich brach ab und rollte mich missmutig stöhnend zurück an die Oberfläche.
Noch bestand ein Funken Hoffnung, dass der Tag gerettet werden könnte. Ich ging schnell an Land, stieg in mein Auto und drehte die Heizung auf Maximum. Nachdem ich mich fünfundzwanzig Minuten lang geröstet hatte ging ich zurück auf die Plattform. Dieses Mal habe ich weniger Zeit mit der Atemvorbereitung im Wasser verbracht und mich vorsichtig gedreht, um den Tauchgang zu beginnen. Ab dem Moment weiß ich nicht mehr viel, mein Körper arbeitet dann auf Autopilot, ganz so wie er es mittlerweile bei tiefen Tauchgängen gewohnt ist. Ich erinnere mich, wie ich mich zu Beginn des ”freien Falls” entspannt habe und meinen Körper aufforderte, ”sogar eine mögliche Anspannung zu entspannen”. Ich erinnere mich noch an das Signal des Tiefenalarms meines Suunto Tauchcomputers und wie ich die Markierung von der Bodenplatte gezogen habe, 100 Meter unterhalb der Wasseroberfläche. Ich erinnere mich, dass meine Augen halb geschlossen waren und daran, dass ich mich zu Beginn der langen Schwimmstrecke zurück zum Licht aufgefordert habe zu ”entspannen” und ”zu fließen”. Ich erinnere mich wie ich an die Wasseroberfläche gekommen bin und mich gezwungen habe, mich auf das Protokoll zu konzentrieren, damit der Tauchgang als gültig gewertet wird. Und ich erinnere mich an den Jubelausbruch mit meinem Team, als die Jury ihre weißen Karten gezeigt hat.
Der Weg zu dieser magischen Tiefe war lang und ohne die Unterstützung eines unglaublichen Teams wäre es nicht möglich gewesen: Tieftaucher Brian, Paul & Jason; Sicherheits-Freitaucher Alfredo, Brian und Charlie; die Fotografen Igor und Paolo; Rettungsassistent Tom; Nic, der 2 Tage von Neuseeland unterwegs war, um mich zu unterstützen und natürlich meine treue und geliebte Ehefrau und Coach Brittany.
Vielen Dank auch an die Event Sponsoren Suunto und Orca – ihre Unterstützung für mich und die Sportart Freitauchen war unglaublich. Danke auch an meine weiteren Athletensponsoren Ex Drinks und Tenerife Top Training und an Glorope für die perfekte Freitauch-Leine.“
Tiefes Freitauchen:
In 100 Meter Tiefe werden die Lungen von Trubridge von der über ihm liegenden Wassermasse auf die Größe einer Grapefruit zusammengepresst und die Blutmenge in seinen Lungengefäßen schwillt an, um zu verhindern, dass die Lungen implodieren. Die Herzfrequenz sinkt auf 25 Schläge pro Minute und Trubridge muss gegen die narkotisierende Wirkung von unter Druck stehendem Kohlendioxid und Stickstoff ankämpfen – den sogenannten Tiefenrausch, der in einen Schlaf mit fatalen Folgen führen würde. Mit Hilfe von Yoga sowie Methoden wie Visualisierung und Mentale Programmierung kann Trubridge seinen Körper funktionstüchtig halten, selbst wenn der Geist ”nicht ganz da ist”. Diese Tiefe ist das Dreifache dessen, was als Grenze für das Gerätetauchen für Freizeitsportler gilt. Es wäre lebensgefährlich, würde jemand mit einem normalen Sauerstoffatemgerät in diese Tiefe tauchen.
Der Tauchgang dauert insgesamt vier Minuten und zehn Sekunden. Da die Muskeln jedoch wertvollen Sauerstoff für die Auf- und Abbewegung des Körpers verbrauchen, ist dies wesentlich schwieriger als einfach die Luft anzuhalten, selbst wenn die Zeit dafür doppelt so lang wäre.
Trubridge trägt einen silikonbeschichteten Neoprenanzug, der von Orca speziell gefertigt wurde und außerdem eine Schwimmbrille mit korrigierenden Linsen an der Innenseite, die Wasser aufnehmen und die Sicht unter Wasser ermöglichen. Die Rekordtiefe wurde von einem offiziellen Suunto D4 Tiefenmesser bestätigt, die Trubridge am Handgelenk trägt und zudem von Unterwasserkameras, über die die Juroren von AIDA – der offiziellen Organisation zur Verifizierung von Freitauch-Rekorden - den Tauchgang beobachten konnten.
Entlang der vertikalen Sicherheitsleine, der Williams folgt, ohne sie auf dem Weg nach unten oder oben zu berühren sind Taucher für die technische Sicherheit mit Atemgeräten positioniert.
Fotos von Igor Liberti und Paolo Valenti